Durch den Flughafen: Zu viele freie Jobs

Der Flughafen ist eine Jobmaschine für Freising und Erding. War die Region bis Mitter der 1980er Jahre noch strukturschwach, so hat Freising seit der Ansiedlung des Flughafens durchweg die niedrigsten Arbeitslosenraten Deutschlands – derzeit nimmt der Landkreis die Spitzenstellung ein.

Wir drucken hier einen Beitrag von sueddeutsche.de vom 31. Mai 2012 ab.

Von Kerstin Vogel, Freising

In den Landkreisen Freising und Erding in Bayern herrscht praktisch Vollbeschäftigung, die Arbeitlosenquote ist die niedrigste in Deutschland. Doch das bringt auch Probleme.

Take off – auch für Jobs

Der 17-jährige Claus hatte es in der Schule nicht leicht. Aus schwierigen Familienverhältnissen kommend, eckte er häufig, an, die Noten passten nicht und er stand kurz davor, von der Schule verwiesen zu werden. Doch die Freisinger Arbeitsagentur brachte ihn in einem Projekt zur Einstiegsqualifizierung unter. Claus, der eigentlich anders heißt, macht sich gut – und wird wohl im September eine Lehrstelle als IT-Systemelektroniker bekommen.

Kleine Erfolgsgeschichten wie diese sind in der Boomregion rund um den Münchner Flughafen nicht einzigartig: Im Bereich der Arbeitsagentur Freising und Erding müssen sich Jugendliche schon sehr anstrengen, wenn sie wirklich durch die Raster fallen wollen. Hier sind sie auch dann noch gefragt, wenn die schulischen Leistungen nicht stimmen.

Denn aktuell stehen den 1756 offenen Ausbildungsstellen nur 1520 Bewerber gegenüber – und das hat dazu geführt, dass die Firmen ihre Anforderungen senken und um die Lehrlinge konkurrieren, wie Agenturchefin Karin Weber sagt: “Die betreiben schon fast Marketing.”

Bei einer Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent (2011) herrscht in den Landkreisen Freising und Erding zudem im Prinzip Vollbeschäftigung. Händeringend gesucht werden Kraftfahrer, Mitarbeiter im Hotel- und Gaststättengewerbe und im Pflegebereich – aber auch und ganz besonders Facharbeiter im Handwerk.

Der Fachkräftemangel beschäftige die Flughafenregion seit bald einem Jahrzehnt, sagt Weber – und Kreishandwerksmeister Martin Reiter hat große Sorgen, weil immer weniger junge Menschen Maurer, Zimmerer oder Bauelektriker werden wollen: “Ein 16-Jähriger geht lieber im Anzug ins Büro als mit Latzhose und Sicherheitsschuhen auf die Baustelle.”

Also wirbt die Arbeitsagentur nicht nur um Jugendliche. Auch Frauen, die nach einer Familienpause wieder in den Beruf wollen, werden gezielt angesprochen, ältere Arbeitnehmer, die andernorts schon als schwer vermittelbar gelten, hat man gleichfalls auf dem Radar.

Rolle des Flughafens

Natürlich trägt der nahe Münchner Flughafen viel zu diesen nahezu paradiesischen Zuständen bei. Aktuell arbeiten hier knapp 30.000 Menschen. Seit der Eröffnung 1992 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis Freising um mehr als 80 Prozent gestiegen. Am Flughafen selber wird immer gesucht: Speditionskaufleute, Lagerarbeiter, Köche, Flugzeugabfertiger oder Sicherheitspersonal.

Doch Karin Weber zitiert gerne, dass ihre Agentur schon seit 1990 im Jahresdurchschnitt die günstigste Arbeitslosenquote bundesweit hat – und seit 1987 in Bayern. Für den Erfolg gibt es neben dem “Jobmotor” Flughafen andere Faktoren, die sie sehr hoch bewertet. Den gesunden Branchenmix etwa, den es in dieser Region schon immer gab. Die zehn größten Arbeitsgeber gehören zehn verschiedenen Wirtschaftszweigen an. Und noch arbeiten mit knapp 19.000 genauso viele Menschen in Betrieben mit einem bis neun Mitarbeitern, wie in den Großfirmen mit mehr als 1000 Beschäftigten.

Auch die Lage im “Speckgürtel” der Landeshauptstadt mit ihrem Angebot an Arbeitsplätzen, kommt der Region zugute. Die in Freising angesiedelten Universitäten, die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und die TU München-Weihenstephan, heben als große Arbeitgeber den Prozentsatz an höher qualifizierten Berufen und die Umstrukturierung in Richtung Dienstleistungen ist im Agenturbezirk weit fortgeschritten: 77 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in diesem als besonders krisensicher geltenden Sektor.

Die Kehrseite aber gibt es trotzdem. Nicht alle Jobs, die mit dem Flughafen entstehen, sind hochdotiert, Agentur-Chefin Weber sieht die zunehmende Zahl von Billigjobs dort durchaus mit Sorge. Denn das Leben in der Region ist mit dem enormen Zuzug teuer geworden.

Allein in der Stadt Freising leben heute 45.199 Menschen, 1990 waren es noch 40.010 – und mit der Bevölkerung explodierten auch die Mieten: Zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter sind in Freising keine Seltenheit – und der Wohnungsvergabebericht der Stadt für 2011 belegt, dass immer mehr Menschen Sozialwohnungen brauchen, darunter auch solche, mit Jobs am Flughafen.

Sozialamtsleiter Robert Zellner hat hier Löhne von sieben bis acht Euro recherchiert: “Das reicht in den meisten Fällen nicht aus, um frei finanzierten Wohnraum anzumieten.”

Teuer ist der Boom auch für die Kommunen, die mit der Finanzierung der Infrastruktur für all die neuen Bürger nicht nachkommen: Straßen, auf denen sie zur Arbeit fahren können, Kindergärten und Schulen für den Nachwuchs, Freizeiteinrichtungen, Supermärkte, ein kulturelles Angebot. Kein Wunder also, dass der Landkreis Freising einen Schuldenberg von 70 Millionen Euro vor sich herschiebt, bei der Stadt Freising werden es Ende 2012 alles in allem sogar 112 Millionen sein.

Entsprechend kritisch werden in der Region die Expansionspläne des Flughafens gesehen – nicht nur wegen der enormen Umweltzerstörung und Lärmbelastung. Bis 2015 soll eine dritte Startbahn gebaut werden, die Zahl der Arbeitsplätze soll sich bis 2020 auf 41.000 erhöhen. Doch der Jubel, den man in einer Arbeitsagentur bei so einer Nachricht erwarten würde, bleibt aus.

Denn auch ohne diesen Ausbau stiege die Zahl der Flughafen-Jobs – wenn auch moderat – auf 32.000 und die Arbeitsvermittler können die Nachfrage nach Arbeitskräften schon jetzt nicht mehr decken, jedenfalls nicht mit Menschen, die auch in der Region leben.

Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher aber formuliert deutlich, warum es auch keine Lösung sein kann, noch weitere Arbeitskräfte in die Region zu locken: “10.000 Arbeitsplätze, bedeuten 25.000 Menschen: das würde uns infrastrukturell absolut überfordern.”

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