Kerkloh: “Müssen um die Startbahn kämpfen”

Michael Kerkloh

München – Nicht einmal vier Wochen sind es noch bis zum Bürgerentscheid am 17. Juni, in dem die Münchner über den Bau der 3. Startbahn abstimmen können. Doch der Wahlkampf verläuft eher schleppend. Ein Gespräch mit Flughafenchef Michael Kerkloh.

Wie läuft der Wahlkampf?

Wir sind optimistisch, aber wir müssen kämpfen. In Umfragen hat sich die Mehrheit der Münchner für die 3. Startbahn ausgesprochen. Aber wir müssen natürlich die Münchner mobilisieren, auch zur Wahl zu gehen. Es gilt ja ein Quorum: Mindestens zehn Prozent der Wahlberechtigten müssen sich pro oder contra Startbahn aussprechen, sonst wäre der Bürgerentscheid schlicht ungültig. Wir kämpfen um jede Stimme, aber wir wissen natürlich, dass eine Startbahn kein Herzensthema für die Münchner ist.

Die Startbahn-Gegner planen in den Tagen vor dem 17. Juni unter dem Motto „Occupy Staatskanzlei“ eine Art Zeltstadt. Wie engagieren Sie sich?

Es wird wohl keine Großkundgebung geben, aber das breite Bündnis der Befürworter plant viele Infostände in der Stadt. Das ist richtige Kleinarbeit. Ich selber rede mit vielen Unternehmen und Verbänden. Die Münchner müssen nicht nur für die 3. Startbahn sein, sondern auch ihre Stimme dafür abgeben.

Und wenn sie das nicht tun?

Wenn sich die Gegner durchsetzen, dann ist das Projekt für lange Zeit gestorben. Dann treten wir auf der Stelle.

Wäre das schlimm?

Ja, für die Zukunft Bayerns und seine Landeshauptstadt. Wir bauen die Startbahn für unsere Kinder. Das Mobilitätsverhalten ändert sich. Ich selber bin, als ich 30 Jahre alt war, bis dahin vielleicht ein- zweimal in meinem Leben geflogen. Das ist heute anders. Ein kleines Beispiel: Wenn ich mir heute Bewerbungen durchlese, dann ist fast niemand darunter, der nicht Praktika in Südafrika, Südamerika oder Asien angibt. Das war früher anders. Früher sind wir mit dem VW Käfer nach Italien gegurkt, heute fliegen wir für 120 Euro nach Barcelona. Das kann man gut oder schlecht finden – aber es ist einfach so.

Die Zahl der Flugbewegungen in München ist in den ersten vier Monaten 2012 erneut rückläufig, um 2,3 Prozent gegenüber 2011. Wie erklären Sie, dass Sie die Startbahn trotzdem brauchen?

Im Jahr 2011 hatten wir ein Plus von fünf Prozent, im Moment ein leichtes Minus, was wir auch für das Gesamtjahr erwarten. Wir haben weniger Flugbewegungen als 2008, unter anderem weil die Condor ein Drehkreuz verlagert hat und weil es gewisse Übertreibungen im Billigflugsektor nicht mehr gibt. Aber die Zahl der Passagiere nimmt weiter zu, wir gehen von plus fünf Prozent aus. Trotz Krise.

Wie geht das zusammen?

Die Flugzeuge werden voller und größer. Das heißt, die Airlines haben neue Flugzeuge gekauft, sie haben Turboprop-Maschinen mit 50 bis 70 Sitzen ausgemustert und dafür in Mittelklasseflugzeuge mit 100 bis 120 Sitzen investiert. Dieser Prozess ist jetzt aber weitgehend abgeschlossen, der Flottenpark ist fast runderneuert. Jetzt geht es darum, das Wachstum neu zu organisieren. Wir reden nicht darüber, ob wir wachsen, sondern wie effizient wir wachsen.

Sie wachsen sehr effizient, weil Sie ja mit immer weniger Flugbewegungen mehr Passagiere in die Luft bekommen.

Das wird nicht ewig so weitergehen. Der Flugverkehr wächst, kurzzeitige Rückgänge etwa im Griechenland- oder Spanienverkehr gleichen andere Märkte aus. Zum Beispiel Polen. Wir in Deutschland haben im Schnitt zwei Flugreisen je Einwohner und Jahr. In Polen sind es 0,3 Flugreisen. Dass da ein Aufholeffekt zu erwarten ist, liegt doch auf der Hand. Und dann sind wir wieder bei der 3. Bahn.

Im Moment deutet vieles auf Stagnation hin. Ihr Partner Lufthansa kämpft mit Problemen.

Lufthansa schrumpft ja nicht, sie wächst nur nicht in München und anderswo. Mag sein, dass jetzt im Sommer einige Flüge gestrichen werden. Für dieses Jahr, aber nur für dieses Jahr, ist ein Innehalten angesagt.

Warum verschieben Sie nicht den Startbahn-Bau, bis die Luftfahrt-Konjunktur wieder anzieht?

Weil wir die 3. Bahn schon jetzt bräuchten. Wir können unseren Flugplan, der ja in Spitzenzeiten 90 Starts und Landungen je Stunden auf den beiden Bahnen vorsieht, nur an jedem zweiten Tag einhalten. An 180 Tagen – diese Zahl hat mich kürzlich selber erschreckt – gibt es Widrigkeiten, die das verhindern. Nebel, Gewitter, Wind, Schnee, manchmal auch technische Störungen – allein um das auszugleichen benötigen wir die 3. Startbahn. Dass wir überhaupt mit zwei Bahnen auskommen sollen, ist eigentlich ein Anachronismus. Amsterdam hat sechs Bahnen, Rom vier – das sind Flughäfen in unserer Größenordnung.

Der neue Berliner Großflughafen hat nur zwei Bahnen.

Ja, er ist ja auch nur für 27 Millionen Passagiere ausgelegt. Und wenn der Umzug dann mal stattfindet, wird er auch schnell voll sein. Wahrscheinlich gibt es sehr bald Ausbaunotwendigkeiten. Ein Grund zur Beruhigung für uns übrigens: Die Lufthansa, unser Hauptpartner, könnte gar nichts verlagern, selbst wenn sie wollte. Sie hat ja auch hier einige Milliarden investiert – in Hallen, Flugsimulatoren, Ausbildungsplätze, sie hat 1000 Piloten, die von hier aus eingesetzt werden.

Angenommen, Sie gewinnen beim Bürgerentscheid und auch die Gerichtsverhandlungen gehen zu Ihren Gunsten aus. Wann würde die Bahn dann in Betrieb gehen?

Das wird etwa zweieinhalb bis drei Jahre nach der Entscheidung für den Baubeginn sein. Wir rechnen mit Gesamtkosten von 1,2 Milliarden Euro, die wir als Unternehmen selber tragen ohne den Steuerzahler zu behelligen.

Das Interview führten Karl Schermann und Dirk Walter

Quelle: muenchner-merkur.de 23.5.2012

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